LPK Burgenland, LKA: 4. Niederschrift mit Natascha Kampusch, 2.9.2006

Aus Justizskandal Kampusch
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Auszug aus HP Peter Pilz http://www.peterpilz.at/nav/101/die-affaere.htm

Natascha Kampusch wird ab 9.25 Uhr zum vierten Mal einvernommen. Wieder fragen die Beamten nach dem Hergang der Entführung. Sie konfrontieren Kampusch noch immer nicht mit der Aussage von Ischtar A., sie habe einen zweiten Mann gesehen. Die SOKO interessiert nur eines:

Frage: Sind Sie den Schulweg schnell oder langsam gegangen?

Antwort: Auf Grund meiner Stimmung bin ich etwas langsamer gegangen. Ich glaube, ich bin 3 mal stehen geblieben.

Frage: Ist Ihnen bekannt, warum Wolfgang Priklopil gerade Sie ausgesucht bzw. entführt hat?

Antwort: Er sagte zu mir, dass ich ihm gefallen habe.

Als die Beamten weiterfragen, nimmt die Einvernahme eine unerwartete Wendung.

Frage: Ist Ihnen eine weitere Wohnung im 22. Bezirk bekannt?

Offensichtlich wollen sie wissen, in welchen Wohnungen sich Kampusch vor ihrer Entführung aufgehalten hat. Kampusch antwortet:

"Mir sind Adressen am Stillfriedplatz, in der Bergsteiggasse, Hollergasse, Strahlenergasse und Rugiergasse bekannt."

Die SOKO-Beamten kommen nicht auf die Idee, dass sie von Kampusch gerade auf Wohnungen, die sie gemeinsam mit Priklopil aufgesucht hat, hingewiesen worden sind. Sie fragen nicht nach und wechseln das Thema.

Frage: Wissen Sie, ob Wolfgang Priklopil außer den vorhandenen Rechnungen, Kalendern usw. weitere persönliche Aufzeichnungen, etwa in Tagebuchform, hat?

Antwort: Ich weiß, dass er keine hat. Ich habe ihn danach gefragt, aber er hat gesagt, dass ihm Eintragungen in den Kalender reichen, um sein Leben zu dokumentieren.

Dann wird die Einvernahme unterbrochen. Nach der Pause wollen die Polizisten wissen, wo Kampusch mit ihrem Entführer war: „Wie Sie bereits in einem Vorgespräch erwähnt haben, mussten Sie mit Wolfgang Priklopil bei verschiedenen Anlässen das Haus verlassen. Wo waren Sie?"

Kampusch beginnt wieder mit den Wohnungen: „Ich war in Wien in der Hollergasse, Bergsteiggasse, Strahlenergasse." Dann schildert sie das Zusammentreffen mit den Polizisten und wird noch genauer: „Im Februar oder März dieses Jahres gegen 10:00 Uhr, in den Tagen bevor wir das Fenster in der Hollergasse eingebaut haben, wurden wir auf der Fahrt in der Breitenleerstraße, dort wo die Baustelle ist, von einem Verkehrspolizisten angehalten[...]"

Es gibt keinen Zweifel: Kampusch erzählt, wie sie gemeinsam mit ihrem Entführer eine Wohnung renoviert hat. Aber die Beamten haben keine weiteren Fragen. Sie protokollieren und vermerken: „Ende der Vernehmung: 11:05 Uhr".

Der Stillfriedplatz befindet sich in Ottakring, dem 16. Wiener Bezirk. Die Bergsteiggasse liegt in Hernals, dem 17. Bezirk. In Rudolfsheim-Fünfhaus, dem 15. Bezirk, liegt die Hollergasse. Die „Strahlenergasse" heißt Stralehnergasse und befindet sich in der Donaustadt, im 22. Bezirk. Die „Rugiergasse" findet sich als Rugierstrasse ebenfalls in Kampuschs Heimatbezirk Donaustadt.

Wenn die SOKO-Beamten nach den Hausnummern fragen und ins Grundbuch schauen, werden sie feststellen: Die Häuser und die Wohnungen gehören zwei Personen: Wolfgang Priklopil und Ernst H. Aber die Beamten fragen nicht nach. Sie stehen vor einem wertvollen Hinweis. Aber sie sehen ihn nicht.

Ein anderes Dokument zeigt, dass der Hinweis längst nicht mehr zu übersehen ist. Schon am Abend der gelungenen Flucht, am 23. August 2006, hat Untersuchungsrichter Michael Tolstiuk eine Hausdurchsuchung angeordnet: „In der Strafsache gegen Priklopil [...] ergeht an die Beamten des LKA Burgenland der Befehl, die von Wolfgang Priklopil verwendeten Räumlichkeiten in

- 1220 Wien, Rugierstraße 30/7/2 - 2231 Strasshof/Nordbahn, Heinestraße 60 - 1160 Wien, Stillfriedgasse 6/3

zu durchsuchen..."

Der Richter beschreibt seinen Verdacht: Priklopil „steht im Verdacht, im März 1998 die damals zehnjährige Natascha Kampusch entführt und bis zum 23.8.2006 an einer der oben angeführten Räumlichkeiten gefangen gehalten zu haben."

Zehn Tage später sitzen die Beamten des LKA-Burgenland vor Kampusch und vergessen, sie zu den Wohnungen zu befragen.

Erst in ihren Einvernahmen im Jahr 2009 wird Kampusch von den Kriminalpolizisten weiter befragt. Sie gibt an, was sie ihrem Anwalt schon im Jahr 2006 erzählt hat: Natascha Kampusch hat gemeinsam mit Priklopil die Wohnungen des Priklopil-Freundes Ernst H. renoviert. Kampusch hat für Priklopil und H. gearbeitet.